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LITERATURBLOG

Dicke Gazevorhänge oder das Bonding mit der Hauptfigur (28)

Ich schaue aus dem Fenster in den Garten. Die Tulpen halten ihre Kelche scheu geschlossen, denn soeben hat es geregnet. Eine kleine Kohlmeise macht Betrieb, sie fliegt hierhin und dorthin, um alles Getier im Garten dazu aufzufordern, das Erwachen nach dem Regen zu feiern.

Brigitta von gegenüber hat ihre Jalousien hochgezogen. Ihr an die hundert Jahre altes Holzhäuschen hat in kleine Rahmenquadrate gefasste Fenster, hinter denen dicke Gazegardinen dafür sorgen, dass zu keiner Tageszeit ein fremder Blick ins Innere fällt, nicht einmal, wenn sie abends das Licht anschaltet. Und da ist ganz klar, dass es für mich als Schriftstellerin keinen Weg drum herum gibt, mir auszudenken, wie es in ihrem Häuschen (einer rotdunkel und gold schimmernden Nippeshöhle mit handgestickten Madonnen an den Wänden) aussieht. Ich muss mir auch einfallen lassen, was für ein Mensch sie ist (eine blühende Mittfünfzigerin und sehr entschlossene Frau, die gerne die Angelegenheiten ihrer Nachbarn und Freunde zu ihren eigenen macht). Und mit wem sie da worüber redet (mit ihrer Nachbarin Melissa über deren späten Kinderwunsch und romantische Träumereien). Es ist absolut meine heilige Pflicht, mir das vorzustellen. Wenn wir Autor*innen mit dem Geschichtenspinnen einmal angefangen haben, dann gibt es so leicht kein Halten mehr.

Im Holland der Neunziger Jahre, und – wie eine Freundin vermeldet – auch jetzt noch, waren die Fenster von Wohnungen zumindest in kleineren Städten immer einsehbar, denn es gab keine Gardinen davor. Das meint: wir haben nichts zu verbergen, wir leben ein lauteres Leben. Die dicke Gazegardine dagegen sagt: „Was hier bei mir vor sich geht, geht dich gar nichts an. Und doch will ich auf keinen Fall so dicke Vorhänge haben, dass ich nicht bemerke, was Du und meine anderen lieben Nachbarn so alles tun. Die gegenseitige Nachbarnbeobachtung sorgt doch noch immer für Zucht und Ordnung.“

Wir Schriftsteller*innen sehen beim Blick aus dem Fenster Menschen, die wir kaum kennen, und es ist fast schon ein alchimistischer Prozess, wenn wir ihr Abbild zusammen mit dem, was wir in sie hineinprojizieren, zu Charakteren in unseren Geschichten schmieden. Sie bekommen dann für gewöhnlich viel Gepäck aus unserer eigenen Biografie mit und schlagen sich damit herum, bis sie über sich hinausgewachsen sind.

Die erste Begegnung mit der Hauptfigur einer Geschichte ist wie der erste Eindruck, den eine fremde Person bei uns hinterlässt. Wir bilden uns intuitiv ein Urteil und in diesem kann uns oft nichts mehr erschüttern. Du als Autorin bist mit Deiner Hauptfigur schon während der ganzen Zeit Deines Schreibens dick befreundet und per Du. Jetzt ist es wichtig, dass Du nicht vergisst, Deine Hauptfigur auch zur besten Freund*in Deiner Leser*innen zu machen. Du liebst Deine Figuren, Deine Leser*innen müssen sich aber erst einmal in sie verlieben. Helfen kann dabei die Ich-Form, aber auch und vor Allem, dass wir, wenn unsere Held*in verwerflich handelt, den Grund dafür zeigen und ihre Motivation. Sollte sie gar eine Serienmörderin sein, dann müssen wir zeigen, wie sämtliche ihrer Opfer aufgrund ihrer eigenen Arroganz und Ignoranz diesen Tod „verdient“ haben. Es lohnt sich, sich dies vor Augen zu halten, obwohl es in den Geschichten der meisten von uns weitaus weniger drastisch zugeht.

Meine Melissa klaut in „Elefantenliebe“ dem Schauspieler Luttger Birnhammer Sperma und sie hat leider auch einen Hang zum Stalking. Gleichzeitig erfahren wir im ersten Kapitel auch, dass sie wirklich lieb ist zu Anni Zimt, dem kindlichen Schachgenie, und sich schon schrecklich lange wünscht, schwanger zu werden. (Eine befreundete Schriftstellerin hat testgelesen und mir dazu geraten.)

Wenn Du magst, kommt hier Deine Schreibaufgabe: Mach des Abends einen Fensterspaziergang: geh hinaus und halte Ausschau, ob Du in irgendeinem Fenster Menschen beobachten kannst. Mach Dir eine Notiz, und gib der Figur spontan einen Namen! Zum Beispiel: Leon rennt mit dem zu heißen, nach Brandherd riechenden Braten auf den Esstisch zu. Geh weiter, such Dir ein anderes Fenster. Addiere, was du dort siehst, zu Deinem ersten Fensterbild. Zum Beispiel: Frieda schließt die Vorhänge. Die Eltern von Leon sind nicht da, das wollen er und Frieda für einen romantischen Abend nutzen.

Wenn Du von Deinem Fensterspaziergang nachhause zurück gekommen bist, such Dir aus, wer Deine Hauptfigur oder auch Perspektivfigur sein wird. Führe sie jetzt für uns ein. Schildere sie in der ersten Geschichtenskizze als stark und sympathisch, lass sie etwas Lebensförderliches tun. In der zweiten Skizze lass sie sich daneben benehmen.

Dann überlege, wie Du sie der Leser*in trotzdem als deren beste Freund*in andienen kannst, zum Beispiel, indem Du die Motive für ihr Handeln zeigst.