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LITERATURBLOG

Über das Besondere schreiben (14)

Als meine Schwester und ich klein waren, reisten wir mit unseren Eltern im Sommer häufig nach Südmähren und verbrachten dort zwei Wochen bei der Familie Borakovi (Namen geändert) auf einem Bauernhof. Die Borakovis hatten zwei Mädchen, die etwas älter waren, als wir. Leider konnten wir uns nur durch Gesten mit ihnen verständigen. Meine Eltern hatten in der Abendschule Tschechisch gelernt und radebrechten erfolgreich darüber, wie schön hier Alles war und wieviel besser, als zuhause.

Unser Gästezimmer, das durch dichte Spitzengardinen zur Straße rausschaute, war kalkig in altrosa gestrichen und mithilfe einer Musterrolle in hellblau verziert worden. Dreißig Jahre später verzierte auch ich aus lauter Nostalgie die Wände meiner Wohnung in ähnlicher Weise und viele meiner Künstlerfreunde liehen sich die Musterrollen von mir, weil ihre Gemälde auf solchen Untergründen schöner wirkten, oder sie die Muster für abstrakte Malereien benutzen wollten.

Neben unserem Gästezimmer lag die Futterküche. Dort stand ein Tisch mit allerlei Gartenfrüchten und Essensresten. Der Boden war mit Geflügelkot verschmutzt, Fliegen schwirrten, und die Enten und Gänse spazierten ein und aus. Im Garten gab es Weintrauben und Aprikosen. Hinter einer Mauer lagen die Stallungen für das Geflügel und die Schweine, welche mir allesamt Respekt einflößten, denn ich hatte mit Tieren mein Lebtag nur sehr zurückhaltend Erfahrungen gesammelt.

Es war eine exotische Welt voller fremder Gerüche und Aromen. Die Süßigkeiten, die wir ausprobierten, schmeckten mir oft nicht, ganz einfach, weil sie anders waren, als die, die ich kannte. Die Farbskalen in den Kleidern, Ladenschildern und Häuserwänden waren anders, als bei uns. Man kombinierte Gelb mit Silber und Braun oder Türkis mit Schwarz, Rot und Ocker. Ein Übermaß an Süße von den Kirschen bei der Straße machte mir Kopfschmerzen und die Fremdheit all der Dinge und der Gerüche, des Mischbrots mit Kümmel, der Hörnchen mit Mohnsamen und der kleinen, als Särge bezeichneten Baiserstangen mit Buttercreme darauf, benebelten meine Sinne. Mich begleitete oft eine Mischung aus Lust auf das Neue und einem Übelkeitsgefühl, bei dem ich niemals wusste, ob es von der kurvenreichen Fahrt mit dem benzinstinkenden Wartburg kam, oder von den Kirschen, oder den eigenartigen Farben.

Den passenden Soundtrack zu Allem stellte mein Vater mit seiner Gitarre her. Gemeinsam mit unseren Gastgebern sang er mährische Volkslieder über roten und weißen Wein. Sie standen in einer für die Gegend typischen Molltonalität und Jarda schenkte dazu seinen selbstgekelterten Wein ein, nach dessen Genuss meine Eltern nicht selten heimlich über Kopfschmerzen klagten.

Meine Schwester und ich mussten in unserer Dankbarkeit über die mährische Gastfreundschaft glücklicherweise nicht so weit gehen. Wir durften uns in das kühle Gästezimmer verkrümeln, wo wir gern Verkäuferin und Kundin spielten. Es gab die Bücher unserer Eltern zu kaufen und kleinere Nippesgegenstände aus dem dunklen Vitrinenschrank hinter dem Couchtisch. Meine Schwester war meistens die Verkäuferin, und ich war die Kundin. Jedes Mal, wenn ich den Laden betrat, ließ ich mir etwas Neues einfallen, wie ich die Verkäuferin überraschen könnte. (Ehrlich gesagt, ich war DER Kunde, denn Handlungsfähigkeit und die Fähigkeit, den Helden einer Geschichte zu geben, hatten in unserer damaligen Wahrnehmung nur Jungen. Bis auf Carola Huflattich in „Das Schulgespenst“ waren die Romanheld*innen unserer Kindheit zumeist männlich gewesen. Pippi Langstrumpf, Heidi, Hanni und Nanni und Nesthäkchen wurden entweder in der DDR nicht verlegt oder sie schafften es nicht in unseren Bücherschrank, weil es sie nur unter dem Ladentisch gab.)

Ich trat also als Kunde an den dunkelgläsernen Tresen und schüttelte erst einmal meine Haare aus, so dass sich weiße Schuppen wie vager Neuschnee darauf ausbreiteten. Meine Schwester ermahnte mich immer, doch bitte endlich einmal normal zu spielen. Das war mir jedoch zu langweilig. Ich musste als Kunde jedes Mal einen anderen, leicht skandalösen Auftritt haben, sonst machte mir das Spiel keinen Spaß.

Wenn ich eine Erzählung schreibe oder einen Roman konzipiere, versuche ich immer, das Besondere zu finden, denn nur das macht mir richtig Spass. Zuerst fallen mir womöglich Klischees ein, womöglich Dinge, die ich aus Büchern und Filmen kenne. Wenn ich mich aber eingehender mit meinen Charakteren und dem, was ihnen passiert, befasse, bin ich darauf erpicht, in ihnen das Besondere freizulegen, sie ungewöhnliche Dinge tun und sie originell und authentisch sprechen zu lassen. Für mich ist vor Allem das Ungewöhnliche wert, erzählt zu werden.

Und hier kommt für Dich eine Schreibaufgabe, wenn Du magst: Nimm Dir eine Zeitung und schneide alle Fotos aus. Wähle eines aus, das Dich am meisten anspricht. Denk Dir dazu eine Geschichte aus, einen kleinen Plot. Dann ziehe blind eines der anderen Fotos und versuche, mithilfe von dem, was sich auf diesem neuen Foto befindet, Deiner Handlung einen besonderen Twist zu verpassen!