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LITERATURBLOG

Poetische Sprache, einfach und archaisch (35)

Ewig und strahlend zieht über die dunkle Erde der Himmel dahin

Ich spüre diese verrückte und harte Erde

In meiner Brust knirschen Glasmurmeln, Schnee fliegt

Von nichts anderem als unsrem Schlaf durchdrungen

Lieg ich verwundert in dieser Arena unter dem Himmel

Kein Sand, der die Gräber je überwächst.

Ich verliere ein paar worte. Nicht nennenswert.

So weit im Leben und so nah am Tod

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?*

Dies ist – ich weiß, das ist strengstens verboten – ein Potpourrigedicht, für das ich Zeilen von sieben meiner Lieblingsdichter*innen aneinander gereiht habe. Ich möchte damit zeigen, dass die Dichter*innen, die wir lieben, Geschwister sind. Und dass auch wir zu ihren Verwandten werden, wenn wir ihre Zeilen lesen und wenn wir selber welche schreiben. Dieser Zauber passiert, weil sich der Reichtum unserer Seelen mit dem des Kosmos vereint, sobald wir in die Welt der Poesie eintauchen.

Als ich sechzehn war, reiste ich oft an die Ostsee. Ich fühlte mich bereit für jede Art von Rebellion. So wie die steife Brise die Wellen peitschte, war auch ich aufgewühlt und wollte der Welt wie mit einem triefenden Lappen meine kruden und dauernd wechselnden Empfindungen um die Ohren knallen. So setzte ich mich in die Dünen und schrieb Gedichte. Das war für mich die einfachste Art, das Dräuen in meiner Brust mit das Grummeln der riesigen Steine darin zu bewältigen. Zwischendurch las ich Rimbaud. Ich wollte wie er sein und mit einem ebensolch wilden Blick in die Gegend starren und vor Allem: auch solche Verse schreiben. Ich hatte das Gefühl, dass ich das Französisch auf der linken Seite des Gedichtbands ebenso verstand, wie die deutsche Übersetzung rechts, nur dass es allein durch den Klang zu mir kam, wie ein Stück Meeresmusik.

Ich lernte, dass Lyrik ganz häufig auf eine Sammlung archaischer Wörter zurückgreift. Sie bevorzugt einen Wortschatz, den auch schon unsere Urmenschenvorfahren gekannt haben: Nacht, Schnee, Sonne. Mistel, Distel, Abgrund, und im Dunkeln lauert ein Tier. Sie haben, so stelle ich mir das vor, keinerlei Wörter mit -heit, -keit, und -ung verwendet. Denn wenn sie einmal für etwas den Begriff nicht kannten, so haben sie sich sehr poetisch ausgedrückt und zum Beispiel für „Einkesselung“ lieber den Begriff „der strenge Ring des Feindes“ benutzt.

Wenn wir also selber schreiben, sei es nun Lyrik oder Prosa, beleben wir unseren Text ungemein durch Wörter oder Bilder, die wir mit allen Sinnen wahrnehmen können, wie den „kränklich orangefarbenen Novemberhimmel“ oder „den Nachthimmel, der, gleich einer alten Schultafel, von Gott heute nur nachlässig gewischt worden ist.“ Mit unseren Leser*innen sollten wir – fast wie mit Kindern – anschaulich und einfach reden. Nicht supersimpel und verkürzend, sondern fühlbar, sinnlich, bildhaft, lebendig.

Und hier kommt Deine Schreibaufgabe: Nimm Dir einen Lieblingsgedichtband aus dem Regal und finde mit geschlossenen Augen und Deinem Zeigefinger zwischen den vorwärts schnippenden Seiten, zufällige Stellen darin und schreibe sie nieder. Es kann gerne eine Zeile, aber auch eine ganze Strophe sein. Sammle fünf bis zehn solcher Stellen und suche Dir unter diesen eine Lieblingsstrophe aus. Jetzt schreibe assoziativ und im Stil dieser Strophe und dieser Autor*in weitere Zeilen. Schau, ob daraus ein Gedicht wird oder ein Stück Kurzprosa. Schere Dich erst einmal nicht um Formalien wie Reim und Rhythmus oder einen Spannungsbogen. Schreibe, soviel Dir einfällt und folge dabei ganz Deiner Intuition. Habe auch Mut zum Absurden. Lege diesen Text als Skizze beiseite und nimm ihn Dir bei einer anderen Gelegenheit wieder vor, um ihn zu verdichten und zu schauen, ob es Dir gelungen ist, die Sprache möglichst einfach und in starken Bildern zu halten. Überarbeite, wenn Du nicht zufrieden bist und lies Dein Kunstwerk am Ende einer Freund*in vor.

*Obige Verse stammen (hier Zeile für Zeile benannt) von folgenden Dichter*innen: Sibe Miličić, Branko Ve Poljanski, Marion Poschmann, Ingeborg Bachmann, Branko Ve Poljanski, Sergej Jessenin, Katrin Pitz, Ingeborg Bachmann und Rainer Maria Rilke